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Offener Brief an die Stadtratsfraktionen der Stadt Gifhorn und die Kreistagsfraktionen des Landkreises Gifhorn

Sehr geehrte Damen und Herren und dazwischen,

 

wir wenden uns heute in großer Sorge und mit Nachdruck an Sie — stellvertretend für alle Verantwortlichen in der queeren Jugendarbeit im Landkreis und der Stadt Gifhorn –, weil wir die derzeitige Entwicklung für unser queeres Jugendzentrum und Netzwerk inakzeptabel finden.

 

Als Queeres Netzwerk Gifhorn e. V. betreiben wir ein öffentliches, offenes, queeres Jugendzentrum — offen für alle Jugendlichen, mit Schwerpunkt auf queerer Arbeit und Unterstützung junger Menschen aus dem gesamten Landkreis und der Stadt Gifhorn. Wir leisten damit eine Aufgabe, die nicht „nice to have“, sondern elementarer Bestandteil der Jugendhilfe und Jugendförderung ist. Unsere Arbeit ist (gesetzlich) notwendig — und wir sind darauf angewiesen, dass Sie Ihrer Verantwortung gerecht werden.

 

Sie haben uns immer wieder Ihre Solidarität und Unterstützung bekundet. So heißt es von der SPD zu dem uns ereilten Hakenkreuzanschlag etwa „Für uns, als SPD-Ortsverein Stadt Gifhorn und SPD-Fraktion im Stadtrat, ist das ein alarmierendes Zeichen: Gewalt gegen Minderheiten und Andersdenkende hat auch in Gifhorn keinen Platz. In unserer gemeinsamen Stellungnahme betonen wir deutlich: Das Queere Netzwerk gehört zu Gifhorn. Ohne Wenn und Aber. Wenn wir unsere Stadt als einen lebenswerten Ort für alle gestalten wollen, müssen wir als Gesellschaft den Schutz aller Mitglieder, insbesondere der von Diskriminierung bedrohten, ernst nehmen.“

Die CDU Kreistagsfraktion schreibt dazu auf Instagram etwa „Ein solches Symbol des Hasses ist ein Angriff auf alle, die sich im Landkreis Gifhorn für Vielfalt, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Demokratie engagieren. Bei unseren Kontakten vor Ort konnten wir feststellen, welchen wichtigen Beitrag das Queere Zentrum für unsere Gesellschaft darstellt.“

Die Kreis-SPD schreibt dazu ebenso auf Instagram „Wir müssen diesen Ort schützen, denn er ist wichtig für den Landkreis Gifhorn und so viele Menschen darüber hinaus. Wir stehen an der Seite aller Aktiven im Spektrum und aller queeren Menschen.“

Auch die Grünen schreiben bei Instagram: „Ein Safe Space ist kein Angriffsziel – er ist ein Ort des Schutzes und der Freiheit. [..] Was jetzt nötig ist: […] Nachhaltiger Schutz für queere Einrichtungen und Veranstaltungen.“

 

Diese Worte klangen gut — doch was bleibt heute davon, wenn wir um die nötige finanzielle Unterstützung bitten?

 

Letztes Wochenende wurden an unserem Jugendzentrum ein Hakenkreuz und rechtsextreme, beleidigende Parolen angebracht — ein rechter Anschlag, der sich gegen uns als queeres Angebot richtet und eine neue Dimension des Hasses gegen queere Menschen in der Stadt und dem Landkreis Gifhorn aufzeigt. Ein Angriff, der uns tief erschüttert — und zeigt, wie dringend wir Schutz, Rückhalt und eine sichere Existenz brauchen.

 

Trotz dieses Terrors reagierte ein Teil der Stadtpolitik mit solidarischen Worten. Doch jetzt, wo es darum geht, die Arbeit finanziell zu sichern, wird die Solidarität entzaubert: Der Antrag der Stadtfraktion (SPD) am 27.11.2025 im städtischen Ausschuss den Zuschuss für 2026 auf 2.500 Euro zu kürzen — von ursprünglich beantragten 15.000 Euro — ist zynisch und entlarvend. Übrigens wurde hier im Bereich der Jugend nur unser Antrag gekürzt. Der Antrag des Kinderschutzbundes wurde nicht gekürzt.

Ebenso ging der Vorschlag im Jugendhilfeausschuss des Landkreises durch, unseren Antrag von 80.000 € auf 15.000 € zu kürzen. Hierbei fiele eine Stelle für die queere Jugendberatung gänzlich und dauerhaft weg.

 

Dieser Schlag ins Kontor schadet nicht nur uns — er schädigt das Vertrauen, das junge, queere Menschen in öffentliche Unterstützung und Schutzmechanismen setzen. Es sendet das Signal: Ja, wir stehen zwar verbal zusammen gegen rechten Hass — aber wenn es darum geht, queere, inklusive, wichtige Jugendarbeit zu sichern, dann ducken wir uns weg.

 

Wir möchten Sie mit diesem Brief daran erinnern: Ihre bisherigen Versprechen — Ihre schönen Worte über Wertschätzung, Vielfalt und Zusammenhalt — sind wertlos, wenn sie nicht mit verlässlicher Finanzierung untermauert werden. Es darf nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben.

 

Wir fordern Sie daher mit aller Deutlichkeit auf:

 

  • Stellen Sie der Queeren Jugendarbeit in Gifhorn eine verlässliche, auskömmliche Finanzierung zur Verfügung — sowohl auf kommunaler Ebene (Stadt) als auch auf Kreisebene (Landkreis). 2.500 Euro Betriebskosten seitens der Stadt Gifhorn sind bei Weitem nicht ausreichend. Wenn Sie unsere beantragten 80.000 Euro auf Kreisebene und die 15.000 € auf Stadtebene nicht leisten können, dann sagen Sie das klar und öffentlich und machen sie deutlich, dass für queere Jugendarbeit und Jugendberatung kein Geld da ist — aber begründen Sie dann Ihre Statements nicht mit „Solidarität“ und belasten uns mit Symbolpolitik.
  • Sichern Sie die beantragte Personalstelle, die existenziell ist für einen zuverlässigen kontinuierlichen Betrieb und für Schutz, Begleitung und Empowerment junger queerer Menschen. Wer fängt die queeren Jugendlichen denn sonst auf, die von rechtsextremem Hass und Gewalt bedroht werden?
  • Setzen Sie echte Prioritäten — nicht nur in Sonntagsreden. Wenn Sie Vielfalt, Zusammenhalt und den Schutz von Minderheiten ernst meinen, zeigen Sie das in Taten — mit verlässlicher Finanzierung, mit strukturierter Unterstützung, mit nachhaltiger Perspektive.

 

Andernfalls tun Sie nichts weniger, als uns — unsere Arbeit, unsere Schutzräume und unsere Zukunft — dem Rechtsextremismus preiszugeben. Und Sie tun das, obwohl Sie jede Gelegenheit genutzt haben, öffentlich Solidarität und mündliche Wertschätzung zu bekunden.

 

Wir lassen uns nicht länger mit schönen Worten abspeisen. Vielfältige Jugendarbeit und queere Unterstützung sind kein Luxus — sie sind dringend notwendig. Wenn Sie wirklich an dem glauben, was Sie sagen: Dann handeln Sie jetzt.

 

Mit nachdrücklichem Appell und Hoffnung auf Ihr Gewissen,

 

Samy Umbreit, Selina Psaroudakis, Karsten Fehrke, Constance Wicht, Alex Umbreit, Milo Merkel, Benja Theißen, Paulina Wicht

Für das Queere-Netzwerk Gifhorn e. V.

 

Ausgezeichnet mit dem niedersächsischen Ehrenamtspreis 2022.

Kontakt

Queeres Netzwerk Gifhorn

Torstr. 16

38518 Gifhorn

 

Tel.: 05371 17 00 390

[email protected]



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